Der doppelte Boden - oder: Warum der Kopf kein Speicherort ist

Es gibt Tage/Wochen/Monate im Leben, da hilft weder Motivation noch die beste Morgenroutine, die man auf Instagram finden kann. Auch ein “Ach, Du musst nur wollen” hilft nicht, denn das “wollen” ist meist das kleinste Übel. Manchmal ist einfach alles zu viel:

Zu viele Termine, zu viele Entscheidungen, zu viele Erwartungen und - auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen - zu viele Menschen, die etwas von Euch brauchen, obwohl Ihr selbst kaum Luft zum Atmen habt.

Als wäre das nicht schon alles schlimm genug, passiert der größte Fehler:

Man versucht einfach alles im Kopf zu behalten.

Das Gehirn ist ein wunderbares Krisenreaktionssystem. Ganz hervorragend ist es darin, Probleme zu analysieren und zu lösen, fundierte Entscheidungen zu treffen und im richtigen Moment mit seinem zuverlässigen Sidekick “Bauchgefühl” das Richtige zu tun.

Katastrophal schlecht ist das Gehirn darin, Dinge zuverlässig zu speichern. Natürlich kann unser Gehirn Millionen von Informationen speichern. Im Stress wird allerdings weder das Speichern noch das Abrufen verlässlich gelingen.

Hier überschneidet sich das Familienleben mit unserer Arbeit in der Notfallmedizin.

In der Akut- und Notfallmedizin lernt man früh eine unbequeme Wahrheit:

In Stresssituationen versagt nicht die Intelligenz - es versagt das Gedächtnis.

Niemand merkt sich im Schockraum Dosierungen, Algorithmen oder Abläufe, weil er besonders motiviert ist; man merkt sie sich nicht, weil sie ausgelagert sind, in Form von:

  • Checklisten

  • Standards, Leitlinien

  • Dokumentation und Kommunikationsstrategien

  • Redundanzen

Das macht man nicht, weil wir Ordnung so sehr lieben, sondern weil wir wissen, dass der Kopf unter Druck kein zuverlässiger Speicher ist.

Aber genau diesen Fehler machen wir im Alltag ständig.

Was das Gehirn nicht kann:

  • Termine merken

  • Aufgaben jonglieren, am besten ganz viele und alle gleichzeitig

  • sich an Dokumente erinnern

  • Gedanken festhalten

  • Zusagen im Kopf parken

Natürlich fällt einem das alles wieder ein; nämlich dann, wenn man den Termin verpasst, das Dokument vergisst oder den Freund mit der nicht eingehaltenen Zusage enttäuscht. Das funktioniert so - bis es nicht mehr funktioniert.

Und abends wundert man sich, warum man gereizt und müde ist und trotzdem nicht schlafen kann.

Die Lösung ist Auslagern.

Auslagern ist kein Kontrollverlust - es ist Selbstschutz

Ein gutes System ist nichts anderes als das, was wir beruflich längst akzeptiert haben:

Ein doppelter Boden, der greift, wenn der Stresspegel steigt.

Es dient nicht der Perfektion, sondern der Sicherheit.

Denn auch Familie ist kein ruhiges Setting. Sie ist laut, unvorhersehbar und vor Allem: emotional.

Und sie interessiert sich daher auch nicht für eure To-do-Listen, denn unvorhergesehenes passiert immer.

Kinder werden krank. Hunde klauen Essen und kotzen es auf den Boden. Termine kollidieren und insbesondere braucht irgendwer irgendetwas immer - und zwar jetzt direkt.

Ein Familiensystem ist kein Kontrollinstrument, es ist ein Sicherheitsnetz, das dafür sorgt, dass

  • wichtige Dinge nicht verschwinden

  • ihr euch nicht ständig erinnern müsst

  • ihr mental verfügbar bleibt, wenn jemand euch braucht

Und all das, wenn Eure Welt gerade zu explodieren scheint.

Das System ist icht perfekt organisiert, aber auffangfähig; es rettet Euch den Arsch.

Es muss nicht schön sein, denn es ist nur das Fundament im Chaos.

Und manchmal reicht genau das.

In den kommenden Artikeln beschreiben wir unser System, das sich an etablierte Strategien und Systeme wie PARA anlehnt, sich an ganz rudimentären Elementen vom Bullet Journaling und Getting Things Done bedient und irgendwie doch etwas eigenes ist.

Der Grund hierfür ist einfach: Alle Produktivitätsstrategien, alle Systeme, mit denen auch ganz viel Geld gemacht wird, funktionieren nur dann, wenn man die Kontrolle über seine Zeit hat. Eigentlich bräuchte man sie ja dann gar nicht. Da etliche Berufe -nicht nur im Gesundheitswesen- und auch das Großprojekt “Familie” zeitlich nicht kontrollierbar sind, braucht man das erst gar nicht zu versuchen. Daher werden alle Systeme inklusive der unzähligen Apps, die dafür gemacht sind, scheitern.

Das System muss Euch nicht besser machen - es soll Euch aufrecht halten, wenn Ihr das gerade alleine nicht könnt.

In den folgenden Artikeln stellen wir unsere Tools und Strategien vor. Wir präsentieren und demonstrieren die Apps die wir im Digitalen nutzen und die Strategien, die wir ganz old-school im analogen Leben benötigen.

Ihr müsst nicht diese Apps nutzen, die wir vorstellen. Eigentlich ist das mehr oder minder Zufall, dass wir genau dieses Setup haben. Es ist kein Tool-Fetischismus. Wichtig ist, dass die Grundprinzipien für Euch umsetzbar sind. Dafür benötigt man weder Highend-Technik noch teure App-Abos.

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Unser doppelter Boden - warum unser System nicht perfekt sein darf